WisR Senior Talents im Gespräch: Christa Jarisch

Die Supervisorin und Dipl. Lebens-und Sozialberaterin Christa Jarisch setzt in der Rente endlich um, was schon immer in ihr geschlummert hat. Denn nach dem Beruf ist vor dem Beruf!

Bericht und Fotos von Daniel Eberharter


Wir treffen Christa Jarisch auf der sonnigen Terrasse eines Wiener Innenstadtcafés. Schon bevor die ersten Worte gewechselt und der Kaffee bestellt ist, hat man das Gefühl, als treffe man eine langjährige Freundin. Ihre offene und einladende Art ist ansteckend und man fühlt sich in Christas Gesellschaft schnell wohl.

Das ist nur eine der Qualitäten, die sie in ihrem Beruf als Lebens- und Sozialberaterin benötigt und entfaltet. Das Besondere an Christa: Sie hat den Beruf erst nach dem Rentenantritt ergriffen! Doch was macht eine Lebens- und Sozialberaterin eigentlich?

“Eine Lebens- und Sozialberaterin ist das, was es früher immer in Großfamilien gab: Onkeln, Tanten, Großeltern - Menschen in der Familie, mit denen man einfach reden konnte. In der heutigen Gesellschaft leben hauptsächlich Kleinstfamilien, in denen noch dazu die meisten Familienmitglieder viel arbeiten und wenig Zeit haben. Man findet kaum jemanden mehr, der sich Zeit nimmt und wirklich zuhört”.

Karriere und Leidenschaft

Christa lässt sich Zeit bei der Erklärung und betont das Wort “zuhören” ganz bewusst. “Ich gebe keinen Rat per se, denn ich bin davon überzeugt, dass die Antworten ohnehin in jedem Menschen schlummern. Ich hebe sie heraus und führe die Menschen zu ihren eigenen Ressourcen”.

Ihre Leidenschaft für die Psychologie hat Christas Leben schon immer begleitet, doch wie so oft, kamen die Realitäten des Lebens und die Karriere dazwischen. “Ich hatte immer sehr gute ‘Brotjobs’, die ich sehr gerne hatte”, sagt Christa. Das Psychologiestudium hat sie eigentlich schon begonnen, doch als alleinerziehende Mutter war es doppelt schwer, dieses auch zu beenden.

Christa war sehr erfolgreich in ihrer Karriere, war Fachreferentin in der Leistungspolitikabteilung in der BVA (Versicherungsanstalt öffentlicher Bediensteter), saß später im Generalsekretariat des ÖAMTC (Österreichischer Automobil-, Motorrad- und Touring Club, ähnlich dem ADAC in Deutschland, Anm.) und leitete dort zuletzt die technische Werbung - und zwar in der sogenannten Altersteilzeit, die ja, wie sie mit einem Augenzwinkern sagt, “auf die so genannte erwartete Plötzlichkeit der Rente vorbereiten soll. Für mich hat sich der langsame Ausstieg gut angefühlt.”

Christa Jarisch
Christa Jarisch

Ein Loch im Leben: Die erwartete Plötzlichkeit Rente

Für viele Menschen ist die Rente oder der Ruhestand nicht immer ein angenehmes Erlebnis. Sei es noch so erwartet - wenn man dann tatsächlich von einem Tag auf den anderen nicht mehr an den Ort gehen kann, wo sich ein großer Teil des sozialen Umfelds der vergangenen 40 Jahre abgespielt hat, überkommt viele Menschen eine Leere, die erdrückend sein kann.

“Die Menschen empfinden natürlich sehr unterschiedlich. Viele leben in der Rente einfach ihre Hobbys aus, kaufen sich E-Bikes, treffen ihre Freunde, haben ihren Spaß. Aber manche Menschen, die für ihre Arbeit gelebt haben, gebrannt haben, stehen im Ruhestand oft mit dem Rücken an der Wand.”

Christa Jarisch ist im WisR Senior Talent Pool!

Christa Jarisch CV
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“Ruhe und Stand - ein furchtbares Wort”

Auch Christa hat diesen Bruch selbst miterlebt, obwohl sie sich viel damit auseinander gesetzt hat und ist kurz in dieses Loch gefallen. Da kann man sich noch so viel darauf vorbereiten. Sie war selbst davon überrascht, plötzlich einen eigenen Zeitplan für sich erstellen zu müssen.

“Eine gute Freundin hat mich schon Jahre vor der Rente gewarnt, dass es plötzlich egal sein kann, ob du um halb sechs oder um halb elf das Wasserglas in den Geschirrspüler räumst, doch ich habe damals nicht verstanden, was sie meint. Dann habe ich es im Ruhestand plötzlich fühlen können.”

Christa mag das Wort Ruhestand übrigens überhaupt nicht: “Das sind zwei inaktive Worte in einem: Ruhe und Stand. Das ist ja furchtbar!”

Zwang mit Wollen ersetzen

Aus diesem Loch heraus zu kriechen ist dann die eigentliche Aufgabe, doch es ist möglich. “Ich habe mir Termine gelegt, Sachen die mir Spaß machen, Leute treffen, eine Ausbildung machen. Das Berufsleben ist ein Zwang und den muss man sich selbst mit einem Wollen ersetzen. Und dann bin ich kurzerhand 2 1/2 Monate nach Amerika auf Reisen gegangen um Englisch zu lernen”.

Die Reise geschah nicht nur zum Jux sondern ging viel tiefer. Christa hat sich damit ihrer eigenen Angst vor der englischen Sprache gestellt, welche sie nie richtig erlernt hat. Es bestand keine Dringlichkeit in ihrem Job.

Und so buchte Christa einen Sprachurlaub bei einem Reisebüro für Studenten. Ja, Christa lebte mit Anfang 60 einfach so bei Gastfamilien in Kanada! Jetzt musste sie die Sprache wirklich lernen - und hat sich dadurch auch nebenbei selbst neu entdeckt. Die Reise fand übrigens vor nicht einmal einem Jahr, im August 2018, statt. How cool is that?!

Christa Jarisch
Christa Jarisch

Erkenne deine Stärke, sei bei dir, finde deine Mitte

Man hat das gute Gefühl, Christa Jarisch ist im Ruhesta… pardon, in der Ren… (Nein, auch kein gutes Wort) in der Gegenwart dort angekommen, wo sie schon immer sein wollte.

Ihrem jüngeren Ich würde sie raten, ihre “Mitte zu finden”, bei sich zu sein und ihre Stärken zu erkennen. “Das traurigste, was ältere Menschen erleben können, ist auf einer Bank zu sitzen und zu sagen ‘Hätte ich mich damals nur getraut’.”

Diesen Gedanken führen viele Menschen aller Altersklassen mit sich, doch das Schöne ist, dass man ihn durch Mut wieder wegradieren kann!

Christa hat schon immer ihre Stärken gekannt, sie liegen im Gespräch, in der Hilfeleistung und im Zuhören. Sie machte neben dem Beruf Ausbildungen und auch “nachher”: Ihr Diplom zur Supervisorin erhält sie dieser Tage im Juli.

Christa Jarisch lebt vor, wie “lebenslanges Lernen” funktioniert und erweitert mit einer zusätzlichen Erkenntnis, die uns allen Mut in der Rente macht: Denn nach dem Beruf ist vor dem Beruf!

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